Von der TROCKENHEIT
zur ZUFRIEDENEN
NÜCHTERNHEIT
Auch
ich hatte gemeint, es genüge, keinen Alkohol mehr zu trinken, also abstinent
zu leben. Ich bestätigte mich an den Trinkpausen, die mir gelangen. Du kannst
es ja, dachte ich - na also! Jedesmal war ich aber auch um so deprimierter und
mutloser, wenn nach Monaten, Wochen, Tagen eine weitere Trinkphase begann -
jedesmal sank mein Selbstvertrauen weiter, nahm meine Widerstandskraft ab.
Verbissen versuchte ich einen neuen Anlauf mit stets geringerer Chance, und
heute weiß ich: Trocken sein allein genügt nicht und ist meist nicht von
Dauer.
Das
war bei mir so, und ich sehe es heute bei vielen anderen. Ich hielt daran fest,
nur mit eigener Kraft aus der Abhängigkeit herauskommen zu wollen.
Abhängige
haben ihr Suchtmittel zur Krücke gemacht, mit deren Hilfe sie Belastungen, Stress,
Enttäuschungen überwinden. Wie schlecht sie ohne Krücke zurechtkommen, zeigt
das Gedicht:
Sieben Jahre wollt kein Schritt
mir glücken.
Als ich zu dem großen Arzte kam,
Fragte er: Wozu die Krücken?
Und ich sagte: Ich bin lahm.
Sagte er: das ist kein Wunder,
Sei so freundlich zu probieren!
Was dich lähmt, ist dieser
Plunder!
Geh, fall, kriech auf allen
Vieren!
Lachend, wie ein Ungeheuer
Nahm er mir die schönen Krücken,
Brach sie durch auf meinem
Rücken,
Warf sie lachend in das Feuer.
Nun, ich bin kuriert: Ich gehe.
Mich kurierte ein Gelächter.
Nur zuweilen, wenn ich Hölzer
sehe,
Gehe ich für Stunden etwas
schlechter.
Bert Brecht
Die eigenen Kräfte sind
verkümmert, sie müssen erst langsam wieder erprobt und entwickelt werden - in
dieser Zeit des "Kriechens auf allen Vieren" wieder zu den Krücken
zu greifen, ist verführerisch. Erst wenn es gelingt, aus eigener Kraft zu gehen
- in Freude - in zufriedener Nüchternheit, ist die Gefahr "zurückzufallen"
geringer.
Wenn also die Krücken - das
Suchtmittel - als zerstörerisch erkannt sind, kommt der ganz wesentliche zweite
Schritt: Das Gehen wieder zu lernen, also das Leben. Das Leben mit den unausweichlichen
Realitäten: Stress, Enttäuschungen, schwierige Entscheidungen werden nach wie
vor kommen, aber auch die Freuden. Zu wünschen ist nicht verbissenes
Standhalten, sondern besseres Wissen um mich selbst und meine Möglichkeiten.
Die Gruppe ist ein Weg dazu. Eine weitere große Hilfe ist eine gute Therapie in
einer Fachklinik.
Es ist ein großer Unterschied,
ob ich mich mühsam - ohne meine Krücken - nur dahinschleppe oder ob ich wieder
lerne, frei und aufrecht zu gehen. Dann stellt sich wieder Selbstvertrauen und
Lebensfreude ein, und es ist möglich, besser -
i n Z U F
R I E D E N E R N Ü C H T E R N H E I
T z u
l e b e n.
Anneliese