Leuchtende Augen.

Was für ein Blick! Rudi, kaum zwei Wochen trocken und zum ersten Mal in unserer Selbsthilfegruppe, bekommt leuchtende Augen. Was hat er da gehört? Es gibt eine Therapie, die ihm erlaubt, auch weiterhin zu trinken? Er braucht nur aufzuschreiben, wie viel er trinkt. Woooohaaa!!! Das ist es: Weiter saufen können, auch während der Therapie.
Ich sehe den jungen Mann, der sich in Gedanken von mir entfernt. Selbst bin ich trockener Alkoholiker, mit mehrjähriger Selbsthilfeerfahrung in den Gruppen der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe in Württemberg. Dieser junge Mann macht sich Hoffnungen auf eine Therapie, die ihn vor dem Schlimmsten, was ein Alkoholiker fürchtet, retten kann, nämlich dem Entzug des Alkohols. Er hat ja sowieso kein soooo großes Problem. Die vernachlässigbaren Blackouts, die immer öfter passieren. Die lange Arbeitslosigkeit, mit knapp 30. Keinen Bock auf gar nichts. Lieber vor den Fernseher, Beine hoch, Gläser hoch.
Ich überlege, wie ich diesem jungen Mann meine, unsere, die auf Erfahrung begründete abstinenzorientierte Lebensweise der Freundeskreise vermitteln kann. Ich habe keine Chance! Das Leuchten der Augen wird nicht geringer. Ich erreiche ihn nicht. Vielleicht liegt es daran, dass mir die notwendigen Argumente für diese Diskussion fehlen. Hilflos beginne ich mich zu fragen: Haben nicht die recht, die sagen: Gib denen eine Chance, die noch nicht ganz aufhören können! Was für ein Unmensch bist du! Lass diesen jungen Mann seine Erfahrung selber machen. Lass ihn in die Beratungsstelle gehen, seine zehn Sitzungen besuchen, dafür 650 Euro bezahlen, ein Trinktagebuch führen, in das er dann sicher gewissenhaft einträgt, wie viel er an den einzelnen Tagen getrunken hat. Lass ihn das alles selbst entscheiden, beeinflusse ihn nicht.Vielleicht gehört er ja tatsächlich zu den Alkoholikern, die von keinem derzeit existierenden abstinenzorientierten Hilfesystem erreicht werden können. Ich fühle ein großes Bedürfnis, ihn zu umarmen und ihn für seine Einzigartigkeit zu beglückwünschen.
Andererseits verstehe ich die Beratungsstellen. Wenn die Psychosoziale Beratungsstelle in A-Stadt dieses Therapieprogramm anbietet - und die in B-Stadt nicht.
Ich kann mir schon vorstellen, in welche der beiden unser Rudi gehen wird. Ich habe unserer Beratungsstelle in A-Stadt folgende Frage gestellt: Wie kommt Ihr damit klar, wenn sich bei Euch auf den Fluren die Menschen aus der abstinenzorientierten Therapie mit denen der kontrolliert Trinkenden treffen? Antwort: Diesen - wirklich sehr hypothetischen - Fall gäbe es nicht. Auf mein Nachfragen: Wenn diese beiden Gruppen sich aber in den Selbsthilfegruppen treffen und dann anfangen zu debattieren ? Antwort: keine.
Vielleicht ist das kontrollierte Trinken deshalb notwendig, weil es sich in einer Gruppe Alkohol Trinkender leichter über die derzeit noch notwendige Ration sprechen lässt. Wahrscheinlich ist es einfacher, darüber zu reden in so einer Runde. Leider kann mir aber keiner sagen, wie schön es ist, ohne Alkohol zu leben, keinen in dieser Runde kann ich fragen, wie es ist ohne Alkohol zu leben, denn alle trinken sie noch.
Mein Fazit: Dort, wo nichts anderes erreicht werden soll, als etwas weniger zu trinken, mag die ambulante Behandlung Alkoholkranker durch Trinkmengenreduktion mit Buchführen, zehnmaligem Therapiegespräch und Kontrollblasen eventuell greifen. Wir kennen ja alle die tollen Erfolge, wenn es darum geht, ein Pfund in zwei Jahren abzunehmen, oder statt 7.300 Zigaretten jährlich auf 7.299 zu reduzieren. Aber in den Freundeskreisen wird über Neuorientierung und Lebensqualität gesprochen - und diese auch praktiziert. In unserem erlebten Verständnis ist Abstinenz Voraussetzung für ein glückliches Leben.
Michael Christian Knorr

Mit Gesprächskreisen und „Trink-Tagebüchern" halbierte der Nürnberger Psychologie-Professor Joachim Körkel den Alkoholkonsum von Abhängigen. Als neuer Weg aus der Sucht wird ein bundesweit einmaliges Alternativprogramm zur Abstinenz gesehen. Behandlungsziel: Kontrolliertes Trinken. Bei den traditionellen Selbsthilfegruppen allerdings stoßen diese Mäßigungsprogramme auf Ablehnung. Alkoholismus gilt als unheilbare Krankheit, die allein durch absoluten Verzicht auf das Suchtmittel zum Stillstand gebracht werden kann. Sie halten an der absoluten Enthaltsamkeit für Alkoholkranke fest.