Abhängigkeit als Makel ?
Nein, sagen wir tapfer: kein Makel,
eine Krankheit, die es zu überwinden gilt! Vorbei sind die Zeiten der „Trinkerheilanstalt", des sozialen Ausgegrenztseins, der gesellschaftlichen Ächtung. Abhängige können heute in guten Fachkliniken, in Therapien, zurückfinden in ein Leben ohne Suchtmittel. Sie können lernen, trocken zu leben, so dass sie respektiert werden und ihnen niemand die Achtung verweigert. Mehr noch: von Bodelschwingh ist die Aussage überliefert, er kenne keinen größeren Helden als den trockenen Alkoholiker! Fast zu viel der Anerkennung ist das, aber dennoch: Immer wieder sind in den Gruppen die Fragen zu hören, die wir alle kennen, die Fragen, wie Alkoholiker unauffällig den angebotenen Alkohol zurückweisen können, in welchen Fällen es besser ist, sich nicht zu outen, selbst in den Gruppen fällt es allen Neuen schwer, zu Beginn zu sagen: Ich bin Alkoholiker! Also doch noch ein Makel? In einem alten Studentenlied heißt es unverblümt: „Ach, war das eine Freude, Als ihn der Herrgott schuf, Ein Kerl wie Samt und Seide, Nur schade, dass er suff!" Einerseits hat sich die Einstellung der Umwelt zum Thema „Alkoholismus" sehr verändert; es haben z.B. die Medien viel Aufklärungsarbeit geleistet. Die Leute wissen mehr darüber und nehmen die Abhängigen häufiger als Kranke wahr. Das Klima ist insgesamt toleranter geworden, und auch Partner und Angehörige sind möglicherweise besser informiert. |
Die Stigmatisierung und die Mauer der Ablehnung sind im allgemeinen einer
größeren Bereitschaft gewichen, den Abhängigen zu verstehen und zu begleiten.
So hilfreich das ist, so gut es ist, - das wichtigste kann niemand für uns tun
außer wir selbst: Wie bewerten wir diesen „Makel", und welches Gewicht
lassen wir ihn gewinnen? Eine gute Freundin hat mir vor Jahren gesagt: „Das, was Dir mit dem Alkohol passiert ist, könnte mir nie passieren." Zunächst hat mich das geärgert, aber inzwischen weiß ich, dass sie wahrscheinlich recht hatte, denn Alkoholismus ist oft eine Krankheit, die viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Entscheidender noch als die Reaktionen der Umwelt ist meine eigene Einstellung zu meiner Abhängigkeit. Wenn ich sie als bedauerlichen Fleck auf meiner Integrität sehe - eben als „Makel", werde ich sehr schwer daran tragen. Ich werde das, was ich als beschämend einstufe, zu verbergen versuchen - wie einst die Flaschen. Es entwickelt sich eine Parallelsituation, die zu einer nicht ungefährlichen Belastung werden kann. Es wird empfohlen, unseren Tiger zu umarmen. Und so umarme ich auch meinen „Makel". Schließen wir Frieden mit ihm und fassen ihn richtig ins Auge als das, was er ist: Teil unserer Vergangenheit. Nur dann kann ich souverän entscheiden, was ich anderen von dieser Zeit mitteilen möchte. Sie ist ein sehr wichtiger Teil meiner Lebensgeschichte, und es ist eine gute Geschichte! Und wie heißt es doch so schön: Mein Leben - meine Verantwortung! Anneliese
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